Brieftaubensport ist eine Sucht und Droge zugleich,

Brieftauben-Auflassdie den Menschen nicht mehr loslässt, wenn er sich erst einmal mit diesem unheimlichen Bazillus infiziert hat. Hat es einen Brieftaubenzüchter erst einmal richtig erwischt, dann ist er meist "lebenslänglich" an sein Hobby gefesselt.

Obwohl wir alle das gleiche Steckenpferd reiten, ist es mit der Einheitlichkeit in der Ausübung unseres Sportes nicht weit her. Jeder einzelne von uns betreibt den Brieftaubensport nach seiner ureigenen Philosophie, die meist ein Produkt der über viele Jahre gesammelten Erfahrungswerte ist. Auch hier führen viele Wege nach Rom und der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Oftmals bringen sogar, von Züchter zu Züchter, gegensätzliche Praktiken in Unterbringung, Tagesrhythmus, Fütterung und sonstiger Pflege der Tauben, gleich gute Erfolge. Ich kenne kein anderes Hobby, das dem persönlichen Individualismus des einzelnen ein solch breites Spektrum zur Entfaltung der eigenen Kreativität bietet. Ist das nicht der besondere Reiz unseres schönen Sportes, des Spieles mit den Tauben?

Trotzdem sitzen wir Brieftaubenzüchter - als Einzelsportler - alle in einem Boot, denn schließlich ist der Heimflug unserer Tauben die Faszination, die uns nicht loslässt. "Wir sehen alle in den gleichen Himmel", ist einer der ältesten Sprüche, der unsere Gemeinsamkeit am trefflichsten auf den Punkt bringt.

Wettkampf ist aber nur dort möglich, wo mehrere den gleichen Sport betreiben und bereit sind zum Kräftemessen anzutreten. So ist es auch im Brieftaubensport und daran sollten alle diejenigen ganz besonders denken, die sich manchmal so verhalten, als hätten sie ihre Sportfreunde nicht nötig. Ohne Mitstreiter geht absolut nichts. Möglicherweise resultiert daraus auch der Slogan: "Konkurrenz belebt das Geschäft". Was wäre die Meisterschaft eines Alleinunterhalters wert? Sie wäre wertlos und langweilig, weil die Spannung, die nur ein Wettkampf mit den nach gleichem Ziel strebenden Kontrahenten bieten kann, fehlen würde.

Und wie wichtig ist der Wettflug? Es ist für mich nicht nur der Reiz der damit verbundenen Spannung, sondern in erster Linie ist er ein Qualitätsvergleich, ein Eignungstest: Die Überprüfung der Zuchtprodukte! Denn schließlich ist die Zucht von guten Reisetauben der erste Schritt, der getan werden muss und der gleichzeitig die Grundlage / das Fundament aller Flugerfolge bildet.

 

So ist auch in meinem Leben als Brieftaubenzüchter die Zucht der Dreh- und Angelpunkt

Als 14jähriger wurde ich "aktiver" Züchter und zwischenzeitlich sind nunmehr 50 Jahre vergangen. Gerne denke ich an meine Grundausbildung zurück und weiß heute mehr denn je, dass meine Lehrjahre noch lange nicht vorbei sind, obwohl ich sicherlich immer lernwillig und experimentierfreudig war. Der ältere Sportfreund hatte recht, der mir einmal sagte: "Früher dachte ich einmal, ich hätte Ahnung von Tauben – heute weiß ich, dass ich keine habe!"

Als eine enorme persönliche Bereicherung werte ich heute die vielen Begegnungen, die ich mit den vielen Top-Züchtern des In- und Auslandes hatte. Einige Treffen sind einmalig geblieben, aus anderen wuchsen Freundschaften. In seltenen Fällen blieb ein bitterer Nachgeschmack, an 99,9 % erinnert man sich gerne, weil sie lehrreich waren. Insgesamt ist alles unter "Lebenserfahrung" abzubuchen und letztendlich ein Gewinn für mich als stets lernwilliger Brieftaubenzüchter. Nicht zuletzt waren es die tollen Erfolge angenehmer Sportfreunde, die mich bereits in 1996 mit dazu bewegten, sie in einem Buch zu verewigen. Unter dem Übertitel Ein unbeschreibliches Gefühl! und dem Zusatz 1. Preise gleich serienweise berichtete ich beispielsweise schon über den "Kannibaal" von Dirk und Louis Van Dyck, als der "Kannibaal" noch nicht auf diesen Namen getauft war. Übrigens erfüllt es mich schon mit etwas Stolz, dass ich der erste Zeitungsschreiber war, der bereits 1992 über den Schlag Van Dyck berichtete. Ebenso berichtete ich über Andre` Bellens, als dieser in 1992 2. und 1993 1. König der Union Antwerpen geworden war und ihn noch kein anderer (weder ein belgischer noch ein deutscher) Reporter aufgesucht hatte.

 

Bei den erfolgreichsten Sportfreunden sollte man hinter die Kulissen sehen - Diebstahl mit den Augen ist erlaubt!

Der Brieftaubensport "nur in den eigenen vier Wänden" reicht mir nicht, kann nicht die absolute Erfüllung sein. So wie die Jungfrau zum Kind kam, so wurde ich "Schreiberling" für unsere Verbandszeitschrift "Die Brieftaube", für die ich 1987 den ersten Artikel verfasste und deren Arbeitskreis ich nun schon seit mehr als zwei Jahrzehnten angehöre. Durch die vielen Reportagen über belgische Spitzenspieler konnte ich ebenso über den berühmten Tellerrand hinweg sehen, wie durch Schlagberichte über hiesige Ausnahmesieger, Verbandsmeister, As-Tauben, besondere Ereignisse, Züchter im Blickpunkt, oder auch "Die aktuelle Seite", in der ich über mehrere Jahre von Mai bis September zu aktuellen Themen Stellung nahm und außergewöhnliche Flugergebnisse ansprach. Viele Jahre war ich als Berichterstatter für den 17., 25. und 35. Bezirk (Hessen, Nordhessen, Thüringen), unterwegs und schrieb über den Sommer 2010 mein neues Buch "Blick über den Tellerrand". Viele Begegnungen mit Top-Züchtern waren dabei, die "bleibende Eindrücke" hinterließen. So klingt mir die eine oder andere Aussage noch so frisch im Ohr, als sei sie erst vor 10 Minuten getroffen worden.

Doch es sind nicht nur die Sprüche – vielmehr sind es die Tauben gewesen, die ich bei solchen Kontakten in die Hände bekam, die nachhaltig auf mich wirkten.

Der Vorteil dabei war sicher der, dass es immer "die Besten" waren, die mir als eine Art Orientierungshilfe zur Verfügung standen. So auch bei meiner Tätigkeit als Brieftaubenfotograf, denn auch dabei sind es immer nur die Sieger-Tauben, egal ob in der Meistermannschaft oder als Spitzenflieger, die zur Verewigung vorgestellt werden.

Von nur wenigen Sportfreunden brachte ich mir ein "lebendes Souvenir" mit, denn ich betreibe den Brieftaubensport nach meiner ureigensten Philosophie, die da lautet: "Klein aber fein!"

So stehen in meinem Gartenschlag seit ein paar Jahren 20 Zellen für die Witwer-Mannschaft zur Verfügung und der Jungtierschlag war aufgrund seiner Größe bei 35 Sitzplätzen auch immer sehr schnell ausgelastet. So kann man sich eben auch selbst die Daumenschrauben anlegen, um nicht zum Massentierhalter zu werden.

Ursprünglich bestand "die ganze Herrlichkeit" aus nur 12 Witwern, doch eines Tages kam ich von Belgien zurück und hatte einige Tauben im Kofferraum. Eingepackt waren die zwar recht schnell, doch das Problem hieß: "Wohin damit?" So wurden die alten Schläge auf dem Dachboden unseres Wohnhauses wieder belebt und genau dort habe ich meinen zwischenzeitlich auf 16 Paare angewachsenen Zuchtbestand untergebracht.

KannibaalDort sitzen nun nicht nur die originalen "Belgier" von meinen Freunden Dirk van Dyck ("Kannibaal" =1. Belgische nationale As-Duif Halve Fond 1996) und dessen Filialschlag Eddy Janssens, der 2008 9. Nationaler Meister im KBDB mit seinen Jährigen, sowie in 2009 nicht nur hinter Andrè Roodhoft und vor Dirk van Dyck 2. König der Union Antwerpen wurde, sondern auch 1. prov. Meister mit den Jährigen wurde. Hinzu kommen Geschwister und Kinder von echten AS-Tauben und von meiner eigenen alten Leistungslinie. Unter anderem befinden sich auf meinem Zuchtschlag jetzt auch drei Söhne des "Klamper", einem Vogel, der selbst 18x den 1. Konkurs flog und aufgrund seiner Vererbungsstärke dabei ist für seinen Züchter Louis Adriaenssen Geschichte zu schreiben.

Den Schwerpunkt meiner Zucht bildet zweifellos die auf den "Oude 03" sich aufbauende Leistungslinie, die direkt von Gummar Leysen kam, aber auch einerseits über Dirk van Dyck ("Kannibaal" und Verwandte) sowie andererseits mit dem "01-…1765" über Louis van Bergen.

KlamperNeben den relativ wenigen Tieren anderer Blutführung haben Kinder und nahe Verwandte des "Klamper" von Louis Adriaenssen eine wichtige Rolle in unserem Zuchtschlag übernommen. An dieser Stelle nur einige Beispiele:

Auch in Zukunft werden wir für alles das offen sein, was als Verstärkungen der Extraklasse gut sein kann – warten wir ab.

 

Die Zucht hat ihre Geheimnisse, deshalb ist sie besonders reizvoll. Ist eine erfolgreiche Zucht planbar?

Seit der Mensch versucht, steuernd in die Natur einzugreifen, sprich: versucht, gezielt Pflanzen und Tiere zu züchten, muss er feststellen, dass er an Grenzen stößt. "Vererbungslehre" ist das Zauberwort, was auch uns Brieftaubenzüchter immer wieder fasziniert – allgemein ganzjährig, aber im besonderen in der Herbst- und Winterzeit, wenn die Zuchtplanung einen so leidenschaftlichen "Taubenverrückten" wie mich voll im Griff hat.

Nun erscheint mir die Zucht von guten Brieftauben, im Vergleich zu Hühnern, Milchkühen oder Fleisch produzierenden Tieren, etwas komplizierter. Denn dort ist die Messung von Eiern, Milch oder Fleisch anhand der gelegten Stückzahl und deren Größe bzw. in Liter und Gewicht ganz sauber möglich - und diese Tiere stehen unter der ständigen Kontrolle ihrer Züchter.

Bei der Qualitätsprüfung unserer Nachzuchtprodukte, die nur auf der Taubenreise stattfinden kann, spielen sicher viele Unbekannte eine nicht unerhebliche Rolle. So kann dem geborenen / gezüchteten zukünftigen Crack eine Überlandleitung in die Quere kommen oder ihm der Habicht übel mitspielen, so dass "das As von morgen" und das vorhandene Zuchtpaar, nie erkannt wird.

Wissenschaft, Gefühl und praktische Erfahrung im Einklang, lassen in dem Brieftaubenzüchter den Entschluss reifen, wie er seine Paare für die Zucht zusammensetzt. Einerseits haben Mendel, Anker und Bruce Lowe bei allen Planungsgedanken ihren festen Platz im Hinterkopf des Züchters. Andererseits lässt das ungeschriebene Gesetz, dass aus "Gut x Gut" die Chance auf guten Nachwuchs am größten ist, keinen Brieftaubenzüchter unberührt.

Soviel zur "gezielten" (vom Menschen gesteuerten) Zusammenstellung der Zuchtpaare. Aber es gibt auch genügend Beispiele dafür, dass aus den sogenannten Zufallspaarungen schon richtige Siegertypen kamen. Nicht selten führten (un)glückliche Umstände einen Vogel und eine Täubin zusammen und ließen ein echtes Zuchtpaar entstehen; oder "nur aus versehen" wurden von einem Paar die nicht gewollten Jungen groß - und es wurden richtige Asse!

Für meinen Teil versuche ich bei der Zusammenstellung der Zuchttauben den verschiedensten theoretischen und praktischen Aspekten gerecht zu werden. Dabei steht die Kreuzung absolut im Vordergrund, aber die Familien- oder Linienzucht ist ebenso gängig. Dabei versuche ich zum Beispiel einen Vogel an ein Weibchen zu bringen, der mütterlicherseits mit diesem verwandt ist; oder ein Weibchen, das väterlicherseits mit seinem neuen Partner verwandt ist. Extrem gegensätzlich Körperformen werden nicht zusammengesetzt, ein Teil des Paares soll schon meinem "Idealbild Taube" entsprechen. Sollte ich einmal mit meiner Meinung "zwischen zwei Stühlen" sitzen, so frage ich meinen Freund, den Klassifizierer, der mich schon oft beeindruckt hat. Wegen der Augenfarbe mache ich mir die wenigsten Kopfschmerzen, wobei ich auch nicht gerne Glas an Glas setze. Ich gehe immer davon aus, dass die Tauben ihre Augen – ebenso wie wir Menschen – zum sehen nötig haben. Eine gute Durchblutung der Augen verrät mir viel mehr, nämlich eine kernige Gesundheit des Tieres.

Willi Hertel

 

Reiseschlag im Sommer Reiseschlag im Winter mit vorgebauter Voliere
Taubenhaltung der kleinen und feinen Art: hier finden 20 Witwerpaare und maximal 35 Jungtiere ihren Platz. Rechts: Der Reiseschlag über den Winter. Nach dem letzten Jungflug Mitte September bis Mitte April des nächsten Jahres hat der Raubvogel keine Chance dank vorgebauter Voliere.